Wasserbüffel und griechische Architektur im Mezzogiorno

Midi und Mezzogiorno bedeuten beide dasselbe, nämlich Mittag (oder im übertragenen Sinn: Süden). Frankreichs Süden nennt man also ‘Midi’,und Süditalien von Kampanien bis Sizilien ‘Mezzogiorno’. Und schon habe ich wieder etwas gelernt..

1_Bufala xDer Mozzarella kommt ursprünglich aus Kampanien, wo ich mich ja immer noch befinde. Interessant. Diese Wasserbüffel-Kühe sind sehr hübsch anzusehen mit ihren wolligen Stirnen und ausladenden Hörnern.

Mozzarella ist mitnichten eine ‘neumodische’ Erfindung – die ersten Nachweise darüber datieren ums Jahr 1400. Damals nannte man ihn einfach ‘Mozza’, denn mozzare heisst trennen/abschneiden und bezeichnet den letzten Schritt im Herstellungsprozess: der Käser nimmt den geschmeidig gekneteten Frischkäseballen aus der Lake und drückt vorne zwischen Zeigefinger und Daumen ein rundes Bällchen ums andere ab (dadurch entsteht auch das kleine Zipfelchen auf dem Käse).

Ich habe mir ein paar der Mozzarella-Bällchen und ein kleines Joghurt (von ca. 800g) gekauft, komme aber nicht dazu, die Dinger auch zu essen, denn ich muss immer ins Camping-Restaurant. Aber davon später…

2_BufalaIn Torre di Paestum, in zehn Minuten Spaziergang von meinem Platz aus, steht einer der Höfe, die sich auf Büffelmilch und deren Produkte spezialisiert haben, die Azienda Caseificio Barlotti. Da stehen und liegen bestimmt sechzig der üppig behörnten Kühe und lassen sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Allfälliger Regen macht ihnen aber schätzungsweise auch nichts aus. 

Ich stehe auf dem Campingplatz ‘Villaggio dei Pini’ mit über 100 (leeren) Stellplätzen und einer ganzen Reihe von Bungalows, und da es der einzige noch offene Platz ist weit und breit, war die Wahl einfach. Der kleine Supermarkt hat noch offen, aber alle Hotels und Restaurants im Dorf sind geschlossen, und wenn nicht ein paar Einheimische plaudernd vor den Häusern sitzen würden, wäre dies ein typischer Vertreter eines Küsten-Geisterstädtchens.

3_Medico
Ich hatte Glück: es gab da noch ein anderes Auto auf dem Campingplatz, sogar eines mit Schweizer Flagge auf dem Dach, sonst wäre ich hier der einzige Gast, und da fühlt man sich manchmal schon sehr allein nach ein paar Tagen.

Sylvia und Thomas sind eigentlich noch deutlich zu jung für das ‘Altenteil’, planen aber, mit ihrem Labrador Gioco an acht von zwölf Monaten unterwegs zu sein in Zukunft. Da ich einen vorzeitigen Schritt in die Pensionierung nie auch nur ansatzweise in Betracht gezogen hatte, finde ich das ganz schön mutig.
Inzwischen weiss ich aber auch, dass eine solche Entscheidung viel Leben ins Leben bringt – und ganz eigentlich jedem empfohlen werden darf.

Da auch in Italien praktisch sämtliche Rotkreuz-Hinweise und Tafeln eigentlich ‘Weisskreuz-Tafeln’ sind und ergo Schweizer Flaggen, werden die Beiden öfter für ‘Medicos’ gehalten und hoffen nun einfach, nicht plötzlich als solche zum Nofall-Einsatz beigezogen zu werden… 😊

4_AntonioWir haben zweimal miteinander zu Abend gegessen im Restaurant auf dem Platz, viel geplaudert und gelacht, und nun habe ich einen schönen Vorrat an zwischenmenschlicher Wärme aufgetankt. Das ist auch gut so, denn seit heute Morgen bin ich wirklich ganz allein auf dem Platz, und der Tag hat sich kühl und regnerisch entwickelt.

Antonio, der ‘Junggeselle für alles’ auf dem Platz (Foto oben), arbeitet seit 27 Jahren hier. Er kocht, wischt Laub zusammen, ersetzt kaputte Lampenbirnen und kocht wieder – und dazwischen animiert er die im Moment etwas dünn gesäte Kundschaft dazu, im Restaurant zu essen. Er tut dies in einem so völlig unitalienisch monotonen Jammerton, dass man bald klein beigibt.
Antonios Essen ist aber auch tatsächlich sehr gut. Ich habe also auch heute Abend wieder einen Termin am Cheminée um 18.30h – das Restaurant öffnet etwas früher, um uns Nordländer glücklich zu machen.. (und deshalb komme ich einfach nicht dazu, meinen Mozzarella zu essen.. 😊)

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Abendlicher Nachtrag: heute gab es feine Spaghetti mit viel winzig geschnittenem Broccoli und einer Art Schweinsbratwurst-Stückchen darin, gefolgt von backfrischem Kuchen und einem Limoncello.
Ich bin rund und satt wieder daheim, und die Camping-Familie von acht Personen hat sich eben zum Abendessen hingesetzt um 21.15h. Ich habe sie gefragt, warum sie eigentlich immer so spät damit beginnen. Nun ja, meinten sie, im Sommer ist es schlicht zu heiss zum Essen vor 21 Uhr abends – und dann bleibt man halt dabei – also so, wie wir bei 18/19 Uhr bleiben, auch wenn wir nicht müssten.. Ja, das leuchtet ein.

Ich habe auch mit der Nonna des Clans gesprochen; sie sitzt jeden Abend neben dem Feuer und sieht unzufrieden aus. Es stellte sich heraus, dass sie einst Lehrerin für Geschichte und Geographie war und fürs Leben gern gelesen hat. Nun sieht sie nur noch wenig, hat vor gut zwei Jahren ihren Ehemann verloren, mit dem sie 51 Jahre lang verheiratet gewesen war – und ist sehr unglücklich mit ihrem jetzigen Leben. Ich habe gesagt, es müsse doch etwas geben, was sie gerne tun würde und auch noch tun könnte, aber ich glaube, sie bleibt lieber unglücklich.
xx_mapIm Restaurant herrschen gut und gerne 25 Grad Celsius, was wir wahrscheinlich auch der Nonna zu verdanken haben. Wenn man aus der kühlen Nacht hierher kommt, hat man bald rote Bäckchen und das Bedürfnis, einiges auszuziehen. Da passt auch der Weisswein viel besser als der Rote, mit dem man sich eben noch aufzuwärmen gedachte vor dem (echten) Holzfeuer.. Rechts: ich bin hier ! 😊 Langsam aber sicher…

Paestum: drei Tempel und eine Stadt
Überreste einer grossgriechischen Kolonie

6_PaestumIn Paestum (ausgesprochen: ‘Pestum’) steht die Ruine der griechischen Tempelstadt ‘Poseidonia’ von 600 v. Chr. Sie liegt am Rio Sele und war in der Antike ein bedeutendes Handelszentrum.

Da die Griechen überall ein grosses kulturelles Erbe hinterliessen, wird gerne darüber hinweggesehen, dass sie die Lokalbevölkerung wahrscheinlich ebenso rücksichtslos ‘kolonialisierten’ wie dies später auch die Römer und andere Kolonialmächte taten (‘Magna Graecia’, also ‘Grossgriechenland’ nannten sie ihre Eroberungen von Kampanien bis Sizilien). Man weiss zwar nicht nachweislich, was aus den Siedlungen wurde, die auf dem gewählten Bauland für Poseidonia standen, aber dass es dort bereits Siedlungen gegeben hatte, ist unbestritten.

7_PaestumAls die Römer ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. an die Macht kamen, tauften sie die Stadt um in ‘Paestum’ und rodeten leichtsinnigerweise die dichten  Pinienwälder rund um die Siedlung für den Bau ihrer Flotten. Das Land begann zu versumpfen, und bald breitete sich die Malaria aus. Schliesslich mussten sie den Ort aufgeben und landeinwärts ziehen, und wieder einmal geriet eine ganze Stadt über mehrere Jahrhunderte in Vergessenheit (ein ziemlich vergessliches Volk, oder ?..)

7_Paestum x.jpgWiederentdeckt wurde Paestum etwa zur selben Zeit wie Pompeji, als die Bourbonen 1750 eine Straße durch das Gebiet zogen und dabei auf die Tempelruinen stiessen (die meisten Gebäude blieben jedoch bis 1950 unentdeckt).

Während Pompeji das Alltagsleben in einer Stadt vor 2000 Jahren zeigt, glänzt Paestum mit seiner griechischen Tempel-Architektur und drei besonders anschaulichen Modellen der dorischen Bauweise, welche massive Gebäude für ihre Götterkulte hervorbrachte und das ästhetische Empfinden jener Zeit illustrieren. 

Kleine Einführung in die Säulenordnung der griechischen Architektur:

8_Säulenordnung xDorische, ionische, korinthische Säulen

Dorische Säulen sind die ältesten der drei Säulenformen. Sie sind einfach gearbeitet, massiv und sehr geeignet als Hauptträger eines Gebäudes. Dieser Stil verlor zwar im Laufe der Zeit etwas von der Wölbung der Säulen, aber in Paestum ist sie noch gut zu erkennen.
Ionische Säulen sind bereits eleganter und zeigen orientalische Einflüsse
Korinthische Säulen sind die jüngsten der drei. Ihre Verzierungen orientieren sich an Acanthus-Blättern (Bärenklau), die eine Fülle von Dekorationsmöglichkeiten für den Säulenkopf und zahlreiche weitere Objekte am und im Bau hervorbrachten.

9_AcanthusDer Bärenklau und die kunstvolle Interpretation seiner Blätter

10_Dorische
Die drei Tempel in Paestum sind alle im Dorischen Stil errichtet. Hier sieht man gut die  typische, leicht bauchige Säulenform der massiven Träger

Nach siegreichen militärischen Konflikten fanden griechische Architektur-Regeln den Weg nach Rom, wo sie in die bereits hochstehende eigene Baukunst integriert wurden. Das Erscheinungsbild veränderte sich dadurch grundlegend, denn bisher waren (zum Beispiel) römische Säulen eher glatt und schmucklos gebaut worden.

11_KolosseumEin schönes Beispiel für die Umsetzung des in die römische Architektur übernommenen Säulenstils der Griechen ist das Kolosseum in Rom
Die Stockwerke sind umringt von Halbsäulen, die im Untergeschoss der dorischen, in der Mitte der ionischen und im dritten Stockwerk der korinthischen Bauweise folgen.

Und weil mir das mit den Säulen schon in Rom erzählt worden war, ich aber keinen Schimmer hatte, wovon sie es hatten, wollte ich es nun genauer wissen, denn die Säulen kamen auch hier zur Sprache. Und das habt ihr nun davon…
😊

Im Museum von Paestum

12_Taucher.jpgDer Taucher oben kommt auch im Logo des Archäologischen Parks von Paestum vor (darüber eingefügt) Er stammt aus dem Gemälde im Sargdeckel vom ‘Grab des Tauchers’. Es wird vermutet, dass der Sprung vom Turm den Übergang vom Leben in das Totenreich symbolisieren soll.  

13_TöpfernDa ich nun weiss, dass bei dieser Dekorationstechnik alles gemalt werden musste, was beim Brennen schwarz wird, damit die Figuren in der Farbe des Tons erscheinen, bin ich sehr beeindruckt vom Können der Töpfer im 5. Jahrhundert v. Chr.

Und dies, obwohl ich niemals ein solchermassen bemaltes Gefäss besitzen möchte: in meiner Erinnerung sind diese griechischen Motive meistens auf billigen Schalen und Bechern zu finden, die im Regal der Nachbarn gleich neben den schiefen Pisa- und Eiffeltürmchen standen und um die ich sie nie beneidet habe..

Michelangelo soll ja auf die Frage, wie man ein Werk wie den ‘David’ erschaffen kann,  gesagt haben: «Man nehme einen Marmorblock und entferne alles, was nicht nach ‘David’ aussieht».
Meine Bewunderung für Werke der bildenden Kunst rührt auch daher, dass mir ein Talent dafür ebenso gründlich fehlt wie der Orientierungssinn… 😊

x_Ebene von Paestum
Die Ebene von Paestum

14_Schwimmwarnung.jpg

Da das Baden am Strand von Paestum offenbar nicht einmal für Rettungsschwimmer sicher ist, habe ich beschlossen, ausnahmsweise nicht schwimmen zu gehen.. 😊

6 Gedanken zu “Wasserbüffel und griechische Architektur im Mezzogiorno

    1. Echt ? Ich kann mich nicht erinnern, ob wir es je von den Säulen hatten.
      Aber da ich hier ja verfolgt werde von solchen Dingen, kommt das nun automatisch…

      Für mich wird es Zeit, ins Restaurant zu gehen.. 😊
      Ich wünsche euch einen richtig schönen Dezember-Abend !

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  1. Avatar von Thomas und Silvia Thomas und Silvia

    Liebe Rosa. Wir haben die Zeit mit Dir sehr genossen. Du wirst nun wohl schon weiter südlich auf Achse sein währenddessen wir heute bereits Lucca in Richtung Marina di Massa verlassen. Wir wünschen Dir von Herzen viele zauberhafte Momente. Deine Reiserei verfolgen wir gerne weiter und melden uns wieder.
    Stammi Bene.
    Silvia und Thomas mit Fellnase Xoco

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    1. Guten Morgen, Silvia und Thomas
      (wusste ich doch, dass ich hätte fragen sollen, ob du dich mit Y oder I schreibst…😊)
      Ich bin immer noch in Kalabrien und sitze gerade einen Sturm aus in Nicotera, kurz vor der Sizilien-Fähre… Wir sind hier zu zweit auf dem Campingplatz: meine Nachbarin kommt aus dem Bündnerland und ist mit drei kleinen Hunden und einem Wohnwagen unterwegs. Obwohl ich mich gerne daran gewöhnt habe, mit Monika ein Fläschchen der lokalen Traube ‚Gaglioppo‘ zu trinken, mache ich mich voraussichtlich morgen auf nach Sizilien… Ihr seht schon: allzu weit bin ich gar nicht gekommen, wenn man es genau besieht – aber ich habe ja Zeit..😊
      Macht’s gut und geniesst eure Weihnachtsferien ! Cordiali saluti del Sud – Rosa

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  2. Avatar von Andreas Nüesch Andreas Nüesch

    Hopp Rösli!
    Sehr eindrücklich die lange Reihe Mozzarellabüffel .Auch nicht zu verachten sind die schönen

    Sonnenuntergänge. Wenn Du wieder einmal zwischenmenschliche Wärme brauchst, hätten wir am 26. Dez. unser Wheinachtsessensingenwandernfest mit Peter!!

    Weiterhin sicheres Reisen und wenn es nicht reicht ,schöne Festtage!

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    1. Lieber Andi
      Das Weihnachtsessensingenwanderfest würde mich ja schon wahnsinnig reizen – auch natürlich wegen der zwischenmenschlichen Wärme und dem feinen Essen 😊 – aber ich habe Sizilien noch nicht fertig umrundet (eigentlich bin ich noch nicht sehr weit gekommen..) und Balgach ist ein biiiiiissschen weit für ein Mittagessen – sogar dann, wenn man das Singenwandern noch etwas ausbaut und Siedwürste verspricht am andern Ende… Aber eines Tages komme ich wieder und singewandereesse wieder mit ! 😊
      Bis dahin grüsse ich euch alle ganz herzlich di Sicilia ! Habt es gut miteinander !

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