Da mir der überaus nette Weissrusse gestern gesagt hatte, dass man ohne Visum nach Weissrussland kommt, wählte ich die Route von Vilnius nach Warschau hinunter, bei welcher man eine kleine Ecke des Landes durchquert. 57 Kilometer bis Polen, um genau zu sein. Das war ja DIE Gelegenheit für einen russischen Abstecher.

Das Vierländereck mit Litauen und Polen zwischen russischen Gebieten
(die grauen Linien sind die Ländergrenzen).
Ich wusste zwar, dass ich bei Sejny von Litauen nach Polen gelange, aber von dort, wo ich bin (grüner Punkt rechts), kann ich eine Stunde lang Weissrussland besichtigen auf meiner Fahrt nach Süden, und bald nach der Stadt Hrodna kommt dann ja auch die polnische Grenze. Also los !

1. 13.00 Uhr. Ankunft an der Grenze. Hurra, Weissrussland, ich komme !
2. Erster Stopp auf der Litauen-Seite: Haben Sie ein Visum ? Nein, ein freundlicher Belarusse gestern hat mir gesagt, ich brauche keines für Weissrussland.
Aha, sagte die Dame, und entschwand länglich mit meinem Pass und den Autopapieren, ehe sie sie mir zurückbrachte. Go, sagte sie. Ich ging.

3. Die Barriere war offen. Dann kam ich zu einer Ampel, die nach einer Weile auf Grün schaltete.
4. Zweiter Stopp 50 Meter weiter. Nein, nicht dort, genau hier auf der Linie, deutete energisch ein uniformierter junger Mann, dessen Mütze ihn mindestens 10 cm grösser aussehen liess. Er hiess mich die Seitentüre öffnen, dann die Türe zum Bad. Das Innere des Autos wurde inspiziert mit Knüppel in der Hand. Ok, sagte er.

5. Wieder ein Ampelstopp, wieder ein präziser Linienstopp, und wieder eine Uniform. Jetzt bin ich in Weissrussland.
6. Visum ? Ich habe keines. Irgend so ein russischer Typ hat mir gesagt, ich brauche keins. Aha ! Moment ! Meine Papiere wurden abgetippt, und im Hintergrund wurde heftig diskutiert. Ich musste im Auto warten und sah zu, wie den Leuten auf Russisch in der Wäsche gewühlt wurde.

7. Die Diskussion war offenbar beendet. Drei Turmhüte kamen zu mir, und der Sprecher der Gruppe teilte mir mit, dass auch ich definitiv ein Visum bräuchte und nicht einreisen könne, auch nicht für läppische 57 Kilometer. Immerhin sei dies aber bereits weissrussischer Boden. Wissen Sie, sagte er, Weissrussland und Russland sind sowas wie England und Schottland: zwei Länder, dieselben Regeln.

8. Eine Dame tippte zum zweiten Mal alle meine Daten in einen Computer, dann wurden alle Autos hinter mir aus dem Weg gescheucht, damit ich wenden und falsch herum durch die Einfahrt zurückfahren konnte bis zur offiziellen Litauen-Einreisespur.

9. Wieder wurde das Auto auf blinde Passagiere untersucht (zuerst hatten sie also Angst, dass ich jemanden bringen wollte, und nun, dass ich jemanden geholt haben könnte…), und endlich war ich in der Ausfahrtschlange. Und dort stand ich dann sehr lange, bis die PW-Ampel auf Grün schaltete, während rechts an mir reihenweise Lastwagen vorbeizogen.

10. Endlich an der letzten Station (oder an der ersten, um präzise zu sein). Papiere abgeben, warten, bis alles zum dritten Mal notiert war, und dann erhielt ich meinen Pass zurück mit einem zweiten Stempel.
Sie sind heute in Weissrussland eingereist ? fragte die litauische Zollbeamtin. Ja, wenn man so will (diesem russischen Vollidioten sage ich aber was, falls ich ihn wiedersehen sollte!). Aha. Gute Reise.
11. 15.10 Uhr. Zurück in Litauen. Grosses Déjà-vu.
12. Ich fuhr 35 Kilometer zurück und überquerte die Grenze zu Polen in Sejny. Dort interessierte sich kein Schwein für meine Papiere (ich habe auf meiner ganzen Reise bisher noch nie – NIE ! – meine ID irgend jemandem zeigen müssen bei einem Grenzübertritt).

Meine Weissrusslandreise zusammengefasst: ich bin 100 Meter tief ins Landesinnere vorgestossen, hatte dort zwei Stunden Aufenthalt, bin nun als potentielle Schmugglerin registriert – und weiss, dass sämtliche Russen, die ich bis gestern kennengelernt habe (also gut: einer), lügen wie gedruckt. Spannend war das Intermezzo aber alleweil… 😊
